Die menschliche Psyche und die Börse

Die menschliche Psyche und die Börse

In unserem letzten Artikel (Hier nochmals der Link zum Nachlesen: investorenausbildung.de/effiziente-maerkte-versus-mr-market ) haben wir die Metapher von Mr. Market aufgegriffen, welcher stellvertretend für alle irrationalen Akteure am Aktienmarkt steht. Doch warum handeln Menschen irrational? Warum ist die menschliche Psyche kein guter Begleiter an der Börse? Über Jahrtausende haben Menschen einfache Faustregeln (Heuristiken) entwickelt, die es ihnen ermöglichen schnell und effizient zu entschieden. Ohne diese Faustregeln wäre der Alltag gar nicht zu bewältigen. Jedoch tendiert der Mensch leider dazu diese auch in Situation anzuwenden, in denen es leider überhaupt nicht sinnvoll ist. Und somit wären wir bei den Denkfehlern (Biases), welche an der Börse viel Geld kosten können.

Diese Biases entstehen vor allem dadurch, dass es in unserem Gehirn laut Nobelpreisträger Daniel Kahneman zwei Abteilungen gibt, die unterschiedlich schnell arbeiten.

Kahneman nennt in seinem Buch „Thinking, Fast and Slow“ diese beiden System ganz pragmatisch System 1 und System 2. System 1 arbeitet demnach automatisch, intuitiv, schnell und weitgehend ohne willentliche Steuerung. Ein Beispiel ist die Antwort auf folgende Frage: Was ist die Hauptstadt von Frankreich? – Paris. Dieser Gedanke kommt einem ohne jegliche Mühe sofort in den Sinn. System 2 hingegen wird bewusst gesteuert und arbeitet angestrengt und langsam, kann aber schwierigere Probleme in Angriff nehmen. Ein Beispiel hierfür wäre die Frage: Was ist 27 x 15? – Gar nicht so einfach ohne Taschenrechner oder? Hier ist System 2 am Werk. Unter normalen Umständen fällt einem die Antwort nicht gleich in den Schoß. Man muss das wesentlich anstrengendere System 2 bemühen und hat nicht gleich eine intuitive Antwort parat.

Hier noch eine Frage, welche uns die Unterschiede zwischen System 1 und System 2 näherbringt:

Wie viele Tiere jeder Art nahm Moses mit auf seine Arche?

Den meisten von uns wird bei dieser Frage nichts weiter auffallen, da es sich bei Arche und Moses um biblische Begriffe handelt und System 1 das Denken übernimmt. Erst auf den zweiten Blick mit dem wesentlich anstrengenderen Einsatz von System 2 wird uns klar, dass hier etwas nicht stimmt: Noah war der Typ mit der Arche. 😉

Hätten wir „Moses“ beispielsweise durch „Donald Trump“ getauscht, hätte uns System 1 nicht zu dieser „Moses-Illusion“ geführt.

Ein weiteres Beispiel für die Arbeitsweise von System 1 zeigt die nächste Abbildung. Ließ einmal laut vor, was du siehst:

(Bildquelle: Daniel Kahneman; Thinking, Fast and Slow)

Fällt dir etwas auf?

Hier war wieder System 1 am Werk. Sobald das Wort Bank fällt, schaltet sich System 1 ein und macht aus dem „B“ eine „13“, da unsere Erfahrung zeigt, dass bei einer Bank Zahlen eine wichtige Rolle spielen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass System 1 von ganz alleine eine Menge Sachen für uns regelt. Dies kann in vielen Situationen hilfreich sein, da System 2 mit erheblich mehr Anstrengung verbunden ist. Bezogen auf die Börse sieht die Sache hingegen schon ganz anders aus. Hier kann eine übermäßige Benutzung von System 1 zu gefährlichen Fehleinschätzungen führen. System 2 wird nämlich nur aktiv, wenn System 1 etwas „Komisches“ auffällt oder wir es ganz bewusst einsetzen. Da bekommt der Begriff „Zuerst Denken, dann Handeln“ doch gleich eine ganz neue Bedeutung. 😉

Doch wie ist dieses Denken in zwei Systemen entstanden?

Die menschliche Psyche trickst uns aus

Die Antwort hierzu liefert die Evolution, Darwin lässt grüßen. 😉

Gehen wir zurück in die „gute, alte Zeit“, sagen wir einmal 50.000 Jahre vor Christus. Der Homo Sapiens lebte in kleineren Gruppen und versuchte in seiner Umgebung zu überleben. Jeden Tag machten sich die Jäger auf den Weg ein Tier zu erlegen um den Fortbestand der Gruppe zu sichern. Es kam oft vor, dass diese Jäger eine Silhouette am Horizont sahen. Dann gab es zwei Möglichkeiten:

Möglichkeit 1: Rennen wir einfach mal davon, es könnte ja ein Säbelzahntiger sein. (System 1)

Möglichkeit 2: Warten wir erst einmal ab, wir wissen ja nicht, ob es ein Säbelzahntiger, ein Wildschwein oder ein Stein ist. Eventuell lohnt es sich gar nicht die Energie aufzuwenden um davonzurennen. (System 2)

In 50% der Fälle handelte es sich nun einmal doch um einen Säbelzahntiger und so wurden die Jäger gefressen, die ihr System 2 benutzten.

Aus diesem Grund setzten sich diejenigen durch, die sich auf ihr System 1 verlassen haben. (Survival of the Fittest)

Was früher jedoch das Überleben sicherte, ist heute in vielen Fällen (z.B. an der Börse) eher kontraproduktiv.

Welche Denkfehler machen wir?

Im Folgenden möchten wir euch zwei Denkfehler bzw. Biases vorstellen, die uns zu irrationalen Entscheidungen verleiten und uns das Leben an der Börse schwer machen:

  1. Confirmation Bias

„Der Confirmation Bias ist der Vater aller Denkfehler – die Tendenz, neue Informationen so zu interpretieren, dass sie mit unseren bestehenden Theorien, Weltanschauungen und Überzeugungen kompatibel sind.“ (Quelle: Rolf Dobelli; Die Kunst des klaren Denkens)

Jeder Mensch besitzt die Tendenz sich auf jene Informationen zu konzentrieren, welche seine bereits bestehende Meinung belegen bzw. bekräftigen (Confirmation) und andere Informationen auszublenden. Die Informationen, die der bereits bestehende Meinung widersprechen und deshalb von unserem Gehirn ausgeblendet werden, bezeichnet man als Disconfirming Evidence. Für so ziemlich jede Theorie, Meinung oder Anschauung gibt es genügend Beweise, die diese stärken. Wenn man sich jedoch nur auf diese Beweise fokussiert, ist es unmöglich ein objektives Bild über das Große und Ganze zu erlangen.

Beispiel Börse:

Als Besitzer einer Aktie kann man z.B. dazu tendieren, dass man nur noch Nachrichten liest, die einem sagen wie toll und erfolgreich das Unternehmen ist. Dadurch wird jedoch ausgeblendet, wenn das Unternehmen in Schieflage gerät oder Probleme hat sich neuen Umständen anzupassen, was langfristig natürlich Auswirkungen auf den Wert der Aktien hat.

Auch ist es wichtig sich das Management des Unternehmens anzusehen. Wenn die Geschäftsführung dem Confirmation Bias unterliegt und somit jegliche andere Meinung ignoriert, wird das Unternehmen langfristig Probleme bekommen. Natürlich haben Privatanleger selten die Möglichkeit mit einem Vorstandsvorsitzenden ins Gespräch zu kommen, jedoch sollte man die Möglichkeit des Confirmation Biases immer im Hinterkopf behalten.

Unser Tipp:

Denk an die Möglichkeit des Confirmation Biases und versuche deswegen immer den Disconfirming Evidence zu finden, der deine Anschauung in Frage stellt. Oder auch mit den Worten von Charlie Munger: „Invert, always invert!“

  1. Verlustaversion

Verlustaversion: (Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Verlustaversion)

Die Abbildung zeigt ein Beispiel wie die Verlustaversion mit Gewinnen und Verlusten aussehen könnte. Demnach wiegt beispielsweise ein Verlust von 100 € emotional doppelt so stark wie ein Gewinn um denselben Betrag. Das bedeutet Menschen tendieren dazu, Verluste überzubewerten und wollen diese vermeiden.

Beispiel Börse:

Da Verluste emotional stärker wahrgenommen werden, will man dies aus seinem Portfolio streichen. Oder manchmal geht man sogar so weit, dass man warten will bis die entsprechende Aktie zumindest wieder leicht im Plus ist, auch wenn dies rational gesehen kaum mehr möglich sein sollte. Keiner gesteht sich gerne ein bei der Aktienwahl einen Fehler gemacht zu haben. Man ist glücklich, wenn man eine Anlage gerade noch gewinnbringend verkaufen kann. Auf der anderen Seite ist man sehr unglücklich etwas mit nur geringem Verlust zu verkaufen.

„Wahrscheinlich wurde mehr Geld dadurch verloren, dass Anleger Assets hielten, damit sie „zumindest ohne Verlust“ herauskommen, anstatt sich rational gesehen von diesen zu trennen.“ (Philip A. Fisher, Common Stocks and Uncommon Profits)

Unser Tipp:

Lass dich nicht davon beeinflussen, ob deine Aktien gerade im Minus oder im Plus sind, sondern verlass dich auf deine Analyse.

Dies wären nun zwei Beispiele, die deinem Erfolg am Aktienmarkt im Weg stehen könnten. Der Erfolg an der Börse hängt sehr von der menschlichen Psyche ab und leider sind wir alle in der Hinsicht etwas irrational veranlagt. Auch wenn man diese Biases wahrscheinlich nie komplett abstellen kann ist es trotzdem sehr wichtig, dass man sich ihnen bewusst ist. Nur so ist es möglich diese „in Schach zu halten“ und langfristig erfolgreich zu investieren.

Wenn dir dieser Artikel gefallen hat bzw. wenn dich dieses Thema interessiert, dann lass es uns wissen und wir werden dieses Thema und noch mehr Biases und die menschliche Psyche auch in zukünftigen Artikeln behandeln.

Bis dahin wünschen wir dir, wie immer, noch einen schönen Tag und viel Spaß und Erfolg beim Investieren! 😉

Dies ist ein Gastbeitrag von Daniel Bleicher und Andreas Kuhn von wikifolio „World Wide Value“, BavarianValue

https://www.wikifolio.com/de/de/w/wf10000wwv

 

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